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Grußwort zum Festakt 100 Jahre Kinderklinik von Professor Dr. Ute Spierkötter

Ich stehe hier für die Zukunft der St. Hedwigskinderklink, die sehr eng mit der Zukunft der Kindermedizin in Freiburg verbunden ist. Bevor ich über die zukünftigen Pläne berichte, möchte ich auch noch einmal einen Blick nach hinten wagen. Tatsächlich spiegelt nämlich die Geschichte der St. Hedwigskinderklinik von einem Säuglingsheim vor 100 Jahren zu einer renommierten Kinderklinik heute sehr gut die Geschichte der gesamten Kinderheilkunde in Deutschland wieder.

Viele von Ihnen wissen, dass die Geschichte der Kindermedizin noch gar nicht so alt ist und erst vor gut 125 Jahren begann. Einer der ersten wichtigen Schritte war die Gründung der „Deutschen Gesellschaft für Kinderheilkunde“ im Jahr 1883 in Freiburg anlässlich der Versammlung Deutscher Naturforscher und Ärzte. Der erste deutsche Lehrstuhl für Kinderheilkunde wurde in Berlin im Jahr 1894 besetzt, Otto Heubner war damit der erste ordentliche Professor für Kinderheilkunde in Berlin.  Hier in Freiburg war es Bruno Salge, der im Jahr 1909 erster ordentlicher Professor für Kinderheilkunde wurde. Er war auch der erste Direktor der Universitäts-Kinderklinik in Freiburg. Damit war nun der Grundstein für die akademische Pädiatrie gelegt.

Die Anfänge der Kindermedizin waren getrieben von dem Wunsch einer verbesserten Säuglingsfürsorge zur Senkung der Säuglingssterblichkeit. Ein sehr wichtiger Schritt auf dem Weg, das Fachgebiet der Kinderheilkunde zu festigen, war die Institutionalisierung der Kinder-Pflegeausbildung im Jahr 1917. Und von Beginn an hat sich die Hedwigskinderklinik dieser Pflegeausbildung gewidmet und diese immer weiterentwickelt. In den folgenden Jahren hat zum einen der technische Fortschritt viele medizinischen Erfolge möglich gemacht. Zum anderen haben die steigenden Kenntnisse zu den Ursachen und Mechanismen der verschiedenen Krankheiten maßgeblich an der Weiterentwicklung der Pädiatrie beigetragen.

Erfolgreich konnte so die kindliche Mortalität immer weiter gesenkt werden. Die Heilungschancen von Krebserkrankungen stiegen, Impfprogramme führten nahezu zum Verschwinden aller klassischen Kinderkrankheiten. Die Fortschritte der Neonatologie ermöglichten die Betreuung immer kleinerer Frühgeborener. Heutzutage können Frühgeborene, die nach nur 22 Wochen geboren werden, mit Hilfe modernster medizinischer Verfahren mit guter Prognose groß werden. Neue Therapieformen wie die Enzymersatztherapie von lysosomalen Stoffwechselkrankheiten wurden eingeführt; die an Mucoviszidose erkrankten Patienten, die früher im Kindesalter verstarben, erreichen heute das Erwachsenenalter. Es wurde das Neugeborenenscreening auf behandelbare Stoffwechselkrankheiten und endokrinologischen Krankheiten eingeführt und die Transplantationschirurgie hat auch das Kindes – und Jugendalter erobert. Eine Errungenschaft war auch, dass heute Arzneimittel wie Insulin und Wachstumshormone biogenetisch produziert werden können und nicht mehr vom Schwein oder Rind gewonnen werden müssen.

Wir haben therapeutisch also sehr große Schritte gemacht. Aber auch die heutigen diagnostischen Möglichkeiten wie die Fortschritte der bildgebenden Diagnostik durch Sonografie, Computertomografie und MRT sowie eine schnellere und spezifischere Erregerdiagnostik durch neue Labormethoden wie PCR, haben die korrekte Diagnose vieler Krankheiten erst möglich gemacht.  All das in 100 Jahren!Bereits vor mehr als 10 Jahren wurde von den Vorständen und Trägern beider Kinderkliniken in Freiburg, der Kinderklinik im St. Josefskrankenhaus und der Universitätskinderklinik, die Entscheidung getroffen, die beiden Kinderkliniken in Freiburg zusammenzuführen. Stichtag sollte die Fertigstellung des Kinderklinikneubaus der Uniklinik im Jahr 2022 sein. Die Idee der Zusammenführung der Kliniken war sehr zukunftsweisend, denn sie reflektiert die zukünftigen Anforderungen an eine Kinderklinik, aber sie reflektiert auch die Herausforderungen für die Kindermedizin in der Zukunft. Welche sind das? Die hochspezialisierte Kindermedizin, so wie sie sich heute darstellt, erfordert die entsprechende Infrastruktur. Neben unserem Anspruch, die Behandlungen immer weiter zu optimieren, nehmen wir auch in den Blick, die Gesundungsbedingungen im Krankenhaus immer weiter zu verbessern, was bedeutet die Eltern und Familien noch unmittelbarer einzubeziehen.

Nicht alle Kliniken können heute alles machen. Eine Regulation durch ausgewogene Qualitätsstandards ist erforderlich (Beispiele sind in der Neonatologie und der Onkologie zu finden). Wichtig ist es, Qualitätsstandards in der Kinderheilkunde vorzuhalten, um auch für die Zukunft abzusichern, dass Kinder und Jugendliche in qualifizierten Kinder- und Jugendkliniken und nicht in Erwachsenenkliniken betreut werden. Denn Kinder und Jugendliche brauchen eine eigene Versorgung. Schon vor 100 Jahren haben unsere Kolleginnen und Kollegen dafür gekämpft, dass Kinder keine kleinen Erwachsenen sind, diesen Kampf müssen wir heute auch in unterschiedlichen Zusammenhängen immer wieder führen. Die Geschichte der St. Hedwigskinderklinik soll also weitergehen und sie geht weiter! Im Sinne der Kinder sind der Orden und das St. Josefskrankenhaus zu der Entscheidung gekommen, dass es keine konkurrierenden Kinderkliniken in Freiburg braucht, sondern dass die Kräfte für die Kindermedizin gebündelt gehören.

Den Blick zurück nach vorn! Diese 100 Jahr Feier soll mit dem Blick zurück auch all das in Augenschein nehmen, was unbedingt mit nach vorne genommen gehört. Und das ist ganz vorrangig die Behandlung des ganzen Patienten und die Betrachtung der Patienten und Patientinnen als Teil einer Familie. Wir sprechen heute gerne vom Eltern-Kind Patient. Das soll bedeuten, dass Eltern in die Entscheidungsprozesse, in die Gesundungsprozesse unmittelbar miteinbezogen werden müssen und auch ihnen und der gesamten betroffenen Familie Raum, und das meine ich auch wörtlich, in der neuen Kinderklinik gegeben werden muss.  Dass es Kindern nur gutgehen kann, wenn es auch den Eltern gut geht, war ein ganz wichtiges Anliegen der Gründerinnen der Hedwigskinderklinik. In die neue gemeinsame Kinderklinik sollen sowohl diese Werte als auch die umfangreichen Kompetenzen der hochspezialisierten Pädiatrie einziehen. Sie sehen, das sind hohe Ziele, die wir uns gesetzt haben!

Bei jedem Wandel, bei jeder Veränderung wird auch Vertrautes hinter sich gelassen. Der Weg, Kliniken zusammenzuführen ist nie leicht. Die Entscheidung beide Kinderkliniken bereits vor dem Einzug in den gemeinsamen Neubau zusammenwachsen zu lassen, ist aus meiner Sicht eine gute, und ich kann sagen, dass wir uns schon erfolgreich auf den Weg gemacht haben. Die Teams in beiden Kinderkliniken arbeiten heute näher zusammen als zuvor, Mitarbeiter werden zwischen den Standorten ausgetauscht und es wird gemeinsam geplant, wie es denn zusammen in der neuen Kinderklinik weitergehen soll.

Die Bereitschaft zum Wandel, die uns der Orden über die letzten 100 Jahre vorgelebt hat, ermöglicht heute auch die weiteren geplanten Strukturänderungen. Ziel war und ist auch heute, die Versorgung unserer Kinder immer weiter zu verbessern.  Mit diesem Ziel im Blick kann auch der nächste Schritt, die Zusammenführung der Kliniken, mit Enthusiasmus und Vertrauen begangen werden. Mit dem Blick zurück nach vorn! Ich persönlich freue ich mich auf die zukünftigen Entwicklungen hier in Freiburg und freue mich besonders darüber, Teil dieses Prozesses sein zu dürfen. Eines ist sicher, die Kindermedizin hat eine elementare urwüchsige Kraft, da sie von Notwendigkeit und hoher Motivation getragen ist. Sie wird sich hier in Freiburg weiter behaupten.