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Immer häufiger und wichtiger: Bauchchirurgie beim älteren Patienten

Analog zu dem häufig in der Kinderheilkunde gehörten Ausspruch „Kinder sind nicht einfach kleine Erwachsene“ gilt für hochbetagte Patienten, dass sie nicht einfach „alte Erwachsene“ sind. Allgemeinchirurgische Erkrankungen im Alter präsentieren sich häufig ein wenig anders als bei jüngeren Patienten. So ist zum Beispiel die akute Entzündung des Wurmfortsatzes, auch Appendizitis genannt, beim alten Menschen nicht selten verschleiert, schwieriger zu erkennen, mit unspezifischen Schmerzen einhergehend und damit bei einer Operation oft schon durchgebrochen. Die chirurgische Therapie alter Patienten stellt somit eine hohe Anforderung an die korrekte Indikationsstellung, eine adäquate chirurgische Technik und vor allem an ein auf die alten Menschen angepasstes peri-operatives Management.

Der Schwerpunkt für Altersmedizin (Foto De Visu © fotolia)
 Altersmedizin im RKK Klinikum (Foto De Visu © fotolia)

Das Statistische Bundesamt geht davon aus, dass die Bevölkerung in Deutschland im Jahr 2050 auf 75 Millionen Einwohner abnehmen wird – dies entspricht einem Rückgang von rund sieben Millionen Menschen. Hinzu kommt, dass medizinische und hygienische Fortschritte der letzten Jahrzehnte ein höheres Lebensalter ermöglichen. Das heißt, dass unsere Patienten absolut gesehen zwar weniger dafür aber immer älter werden. Das Risiko beispielsweise an Krebs zu erkranken, steigt mit dem Alter kontinuierlich an. Rund 50% der Betroffenen sind bei der Diagnosestellung älter als 69 Jahre.

Die Frage nach einer Altersobergrenze für einen chirurgischen Eingriff muss ganz klar verneint werden. Denn wer möchte einem 75jährigen Patienten etwa eine Operation vorenthalten, die, wenn sie erfolgreich verläuft, es ihm ermöglicht, noch viele Jahre weiter zu leben. Und das kalendarische Alter selbst stellt nachweislich keinen Risikofaktor für Komplikationen während und nach einer Operation dar. Wie in jedem Alter sind es vielmehr die Begleiterkrankungen, die den Ausgang einer Operation maßgeblich mit beeinflussen – zusammen mit dem Allgemeinzustand, dem Ernährungszustand und der funktionellen Reserve des Körpers. Damit erlangt die richtige Indikationsstellung eine wichtige Bedeutung. Verschiedene Score-Systeme und vor allem eine geriatrische oder altersmedizinische Mitbeurteilung können hier bei der Risikoeinschätzung und –abwägung sehr hilfreich sein. „Nicht dem Leben Jahre, sondern den Jahren Leben geben“, sollte hier die Maxime sein.

Zahlreiche Studien haben mittlerweile sehr gut nachgewiesen, dass Operationen, wie die Entfernung einer Gallenblase, eines Teils des Dickdarms aufgrund von Entzündung oder Tumor oder auch die Leistenhernienchirurgie beim alten Patienten sicher, komplikationsarm und in der Knopflochtechnik, das heißt minimal-invasiv, durchführbar sind und in der Risikoabwägung eine spätere Bauchspeicheldrüsenentzündung bei entzündeter Gallenblase oder eine Einklemmung bei einem Leistenbruch verhindern. Ganz entscheidend für die Genesung alter Patienten nach einer Operation ist das stimmige peri-operative Management. Die interdisziplinäre Altersmedizin (IDA) im RKK Klinikum wird diesem hohen Anspruch gerecht. In dieser Einrichtung können die postoperativen kognitiven und funktionellen Einschränkungen der alten Patienten professionell verfolgt und behandelt werden und die weitere Therapie im gemeinsamen Konsens mit den behandelnden Disziplinen täglich optimal an die Bedürfnisse geriatrischer Patienten angepasst werden. Eine aktuelle chirurgische Studie ist wie Wind in den Segeln der IDA im RKK Klinikum: Sie hat gezeigt, dass ein professionelles altersmedizinisches Assessment und ein optimal abgestimmtes per-operatives Management die Ergebnisse der Chirurgie alter Patienten signifikant verbessert.

Autor:

Professor Dr. Thorsten Vowinkel (© RKK Klinikum jkt)
Professor Dr. Thorsten Vowinkel, Chefarzt der Klinik für Allgemein- und Viszeralchirurgie im St. Josefskrankenhaus (© RKK Klinikum)